Digitalisierung in der Arbeitswelt

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Handwerk: Welche Chancen und Risiken die Digitalisierung birgt


Die Digitalisierung ist schon seit einigen Jahren in aller Munde. So ist sie auch in der Arbeitswelt des Handwerks angekommen und prägt diese zunehmend. Bekannt als: Handwerk 4.0. Doch gehen die Meinungen in den verschiedenen Betrieben auseinander. So sehen manche in ihr eher eine Herausforderung als eine Unterstützung.


In einer Kölner Kfz-Werkstatt misst René S. mithilfe von Diagnosegeräten die Abgaswerte und sucht die Fehlermeldungen eines Autos. Bei den Diagnosegeräten handelt es sich um elektronische Hilfsgeräte, ohne die er mittlerweile nicht mehr arbeiten könnte. Beide funktionieren digital. "Mehr brauche ich nicht" sagt er. Was René S. aber bestätigt ist, dass die Digitalisierung „langfristig sicher verbessernd und eine Erleichterung ist. Es ist aber ein Umdenken notwendig. Große Unternehmen sind sicherlich gezwungen jetzt schon auf digital umzustellen. Es handelt sich aber definitiv um einen längeren Prozess. Ich selber springe aber nicht auf jeden Zug, der vorbeifährt“.

René S. ist einer von vielen, die der Digitalisierung entgegentreten. Dabei gibt es einige Prozesse innerhalb eines handwerklichen Betriebs, die optimiert werden könnten. Zurzeit beschweren sich Kunden vermehrt über Unzuverlässigkeit und tagelanges warten auf Kontaktaufnahme, Angebot und die Auftragsumsetzung. In einer Studie der Handwerkskammer München und Oberbayern von 2017 gaben 94% an, dass sie mit ihren Kunden telefonisch kommunizieren. Nur knapp 55% nutzen ergänzend dazu online Messenger und Social Media zur Kontaktaufnahme. Auch wird die Buchhaltung in Betrieben analog geführt. So werden Rechnungen per Post verschickt, was wiederrum viel Zeit in Anspruch nimmt.

Wir leben in einem Prozess des Wandels. So ändert sich nicht nur die Arbeitswelt, sondern auch das Verhalten in der Gesellschaft. Streamingdienste lösen das Fernsehangebot ab, E-Scooter ergänzen die Fortbewegungsmittel und Händler bieten ihre Waren im Internet an. Die Digitalisierung ist omnipräsent und setzt sich zunehmend durch. „Letztlich erwarten heute viele Kunden auch im Handwerk, dass Termine online vereinbart werden können oder auch wieder abgesagt werden können“, erläutert Professor Doktor Werning, Dozentin der Fachhochschule des Mittelstands in Bielefeld. „Zeiteffizienz, Kosteneffizienz, bessere Nachvollziehbarkeit der Wirtschaftlichkeit einzelner Arbeitsschritte und optimierte Personaleinsatzplanung sind nur wenige Vorteile für Handwerker.“


DIGITALE MARKTKOMMUNIKATION


Dies hat auch das Beerdigungsinstitut Feldhaus erkannt. Für sie bedeutet die Digitalisierung, dass sie, wo möglich, auf Papier verzichten und versuchen alle Informationen für Betroffenen zugänglich zu machen. „Dies ermöglicht ortungebundenes, effizientes Arbeiten, Vernetzung und Entwicklungspotential“ erzählt Fabian Piepenstock, Bestattermeister im Familienbetrieb. Sie haben neue Digitalisierungstools in ihrem Betrieb eingeführt und nutzen diese „nahezu in Gänze“ aus. Diese können sie Branchenbedingt hauptsächlich im Kommunikationswesen mit Kunden und der Präsentation der Leistungen verwenden. So haben die Kunden jetzt die Chance über die Website einen Termin zu vereinbaren oder den „Letzte-Wille-Generator“ zu verwenden. Geplant ist außerdem, dass in Zukunft die Telefonanlagen auf eine Cloud umgeleitet wird und, dass die Buchhaltung digital umgestellt wird, erzählt Fabian Piepenstock. Er sieht aber auch einen Nachteil an der Digitalisierung. So fehlt die „Sicherheit von Daten oder Angreifbarkeit durch Hacker“.

Dies geht auch aus der Cyber-Sicherheits-Umfrage des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) hervor. 2018 waren 43% der Großunternehmen und 26% von klein und mittelständische Unternehmen von Cyber-Sicherheits-Vorfällen betroffen. Bei rund der Hälfte konnten sich die Hacker Zugang zum IT-Systemen verschaffen. Dabei kam es bei 87% zu Betriebsstörungen oder gar ausfällen. Im Handwerk verfügen 95% nach eigenen Angaben über eine Website und rund 58% nutzt eine digitale Software zur Kundenkommunikation. Damit diese sich vor Angriffen schützen können hat der ZDH in Zusammenarbeit mit dem BSI nun einen Routenplaner zur effektiven Umsetzung von Cyber-Sicherheitsmaßnahmen entwickelt. So sollten Betriebe Virenschutzprogramme zur Vernichtung von Viren und trojanischen Pferden und Firewalls zur Sicherung von Angriffen von außen nutzen. Zur Datensicherung von Kundendaten oder Rechnungen lohnen sich Verschlüsselungsprogramme. Spyware-Systeme können somit schwerer auf Daten, Passwörter und Kundenangaben zugreifen. „Wer über wenig Expertise in der IT verfügt, muss sich (punktuell) das Wissen zukaufen“ empfiehlt der Routenplaner des ZDH und BDI.


DIGITALE WERKZEUGE


Doch nicht nur das Kommunikationswesen kann durch die Digitalisierung optimiert werden. Auch ganze Prozesse können digitalisiert werden. In Tischlereien können Roboter das Holz zuschneiden, Drohnen den Dachdeckern einen ersten Überblick über das Dach und dessen Schäden bieten. Eine VR-Brille kann Kunden einen ersten virtuellen Einblick in ihr neues Bad geben und AR-Brillen ermöglichen Arbeitern auf vorhandene Daten zuzugreifen und Video-Konferenzen zu starten. Nur knapp 15% nutzen digitale Tools, wie 3D-Drucker (9%).

Einer von ihnen ist ein Hörakustik Betrieb in Köln. Bei ihnen ist die Digitalisierung sehr stark präsent, erzählt Janin Dahmen, Gesellin im Hörakustik Betrieb. So nutzt sie beispielsweise zur Erstellung von Hörgeräten 3D-Drucker. „Der aufwendige Prozess zur Herstellung der Otoplastik mit dem Positiv-Negativ-Positiv Verfahren fällt dadurch weg und man muss nur noch einen Abdruck des Ohres machen“, erklärt Janin Dahmen. Dieser Prozess nahm bis Weilen viel Zeit in Anspruch. „Nun nehmen wir die Abdrücke und schicken sie dann an ein Labor“. Dort wird dann die Abformung gescannt, am Computer bearbeitet und der Drucker erstellt nun das Ohrstück. Jedoch müssen sie oft auch nacharbeiten, weil der Drucker nicht genau genug arbeite, erzählt Janin Dahmen. Manchmal sind Stellen zu dick gedruckt oder Belüftungsbohrungen gar nicht gebohrt, da dem Drucker diese Stellen zu klein sind. Durch den Drucker müssen sie aber prinzipiell „nur noch die Ohrabdrücke selber nehmen“ erläutert Janin Dahmen. Obwohl der Betrieb selber einen 3D-Drucker besitzt, fehlt ihnen die Zeit diesen selber zu nutzen, da die hohe Kundenfrequenz ihnen dies nicht zulässt. Aber nicht nur bei der Herstellung von Hörgeräten wird vermehrt auf digitale Tools gesetzt. Sondern auch bei den Produkten. „Hörgeräte kann man mittlerweile mit dem Handy verbinden und lauter oder leiser machen, Musik hören, fernsehgucken“ zählt Janin Dahmen auf.


WEGFALL VON ARBEITSPLÄTZEN


Einige befürchten, durch den vermehrten Einsatz von digitalen Tools, dass zunehmend Arbeitsplätze wegfallen. „Einzelne Arbeitsplätze werden auf jeden Fall wegfallen, da man sie durch Technologie ersetzen kann“ prognostiziert Professor Doktor Werning. Doch durch die Digitalisierung können auch neue Berufe entstehen. Das sieht auch Fabian Piepenstock: „Wer kannte vor wenigen Monaten ‚Juicer‘, die nachts Elektro-Roller einsammeln und zum Aufladen bringen?“. Auch für die Instandhaltung von den digitalen Anwendungen werden Fachkräfte benötigt. „Dennoch: Gerade im Handwerk gibt es viele Bereiche, in denen Aufgaben so vielfältig sind, dass es auch immer Facharbeiter geben muss, die einzelne Arbeitsschritte erledigen, die ein Roboter nicht kann“ stellt Professor Doktor Werning klar. Wie stark sich der Arbeitsmarkt durch die Digitalisierung ändert, kommt aber vor allem auf die Branche an. „Ein Friseur braucht ebenso wenig eine Drohne wie z.B. ein Bäcker auf Robotik angewiesen ist“ sagt ZDH-Präsident Wollseifer.


WIRTSCHAFTLICHER FAKTOR


Zurzeit erreicht das Handwerk nach dem Digitalisierungsstand einen gesamt Indexwert von 4 von 10 Punkten. Das zeigt, dass die Digitalisierung noch lange nicht dort angekommen ist, wo sie sein könnte. Aus der Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung geht hervor, dass circa 55% der Digitalisierung eine geringe bis kaum eine Bedeutung zuschreiben. Daher setzen sich einige Betriebe mit der Digitalisierung nicht auseinander oder lehnen sie gar ab. Begründen tun sie dies oftmals mit Fachkräftemangel der sich mit digitalen Aspekten wie IT-Sicherheit auskennen müsste. Fabian Piepenstock sieht ein weiteres Problem bei kleineren Unternehmen mit Chefs des „höheren Semesters“, welche „sich nicht mit Neuerungen auseinandersetzen möchten“. So kann man erst mit „Generationsumbrüchen in der Führungsetage“ den Betrieb digitalisieren. Dies bestätigt auch Professor Doktor Werning. Denn oft gibt es in Betrieben keinen der dafür verantwortlich ist und „hat der Chef dann auch keine Affinität, sich damit zu beschäftigen, verbleibt die Auseinandersetzung mit dem Thema häufig“. Ein weiteres Argument vieler Betriebe ist, dass kein Geld für solch teure Investitionen existiere. Professor Doktor Werning sieht dies oftmals als ein nicht sinnvolles Argument, da „sich ja auch Kosten sparen lassen oder neue Einnahmen generiert werden“.

Auch Fabian Piepenstock sieht eine Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit. „Es ist ein leichtes sich durch die Digitalisierung (in unserer Branche) vom Wettbewerb abzuheben“, berichtet er. Sie bekommen nicht nur von ihren Kunden positives Feedback, die ihre Tools häufig nutzen, sondern ebenfalls von Kooperationspartnern. Sie sind zwar immer noch überwiegend lokal tätig, aber durch ihre online Tools können nun auch die Kinder der Verstorbenen, die oft Mals in Städten wie Berlin oder München leben, sich um die Bestattung kümmern, erzählt Fabian Piepenstock. Die Erweiterung der Reichweite sieht ZDH-Präsident Wollseifer ebenfalls positiv an. Denn die Betriebe „haben nun die Möglichkeit, ihren Absatzbereich über die bisherige Region hinaus auszuweiten“.

Fest steht, dass durch digitale Anwendungen, wie 3D-Drucker zur Herstellung von Hörgeräten oder Robotern für das Zuschneiden von Holz potentielle Fehler vermieden und Zeit bei der Herstellung gespart werden kann. So kann ein Betrieb seinen Umsatz langfristig steigern. Durch die Digitalisierung im Bestattungsinstitut konnten sie „auf einfachem Weg positive Resultate erzielen. Dies wiederrum steigert unser Image und senkt das der Anderen“ erzählt Fabian Piepenstock.

„Ein Wettbewerbsvorteil für das Handwerk bleibt dabei in den Zeiten des Internet seine “greifbare“ Beratungs- und Servicequalität, die absehbar weiterhin nicht „internetfähig“ ist.“ sagt ZDH-Präsident Wollseifer. Diese Ansicht vertritt Janin Dahmen ebenfalls. In ihrer Branche gibt es viele Fremdfirmen im Internet, wie Mister Spexx. „Nachteil daran ist, dass wenn man etwas reklamieren möchte. Es wird nie geguckt was denn nun wirklich falsch ist. Es wird immer nur auf Verdacht ausgetauscht“, erzählt sie. Diese Kunden kommen dann sehr oft zu ihnen „und wir müssen dann nachgucken was falsch ist“. Für einen Sehtest kommen noch viele zum Optiker stellt Janin Dahmen fest. „Wenn man Hilfe braucht, wenn irgendetwas nicht funktioniert, dann braucht man jemanden der das kontrolliert und nachguckt“.


DIGITALISIERUNG NUR DORT, WO ES SINNVOLL IST


„Das Handwerk im Allgemeinen hat die Bedeutung der Digitalisierung und auch die Bedrohung für das eigene Unternehmen noch nicht ausreichend erkannt. Unternehmen, die keine neuartigen Serviceangebote bieten, werden irgendwann für Kunden die heute digitale Angebote erwarten uninteressant. Heute schon gehen viele Aufträge verloren, weil Kunden nicht online buchen können“. Wer seinen Betrieb digitalisieren möchte, sollte sich zunächst „seiner Prozesse bewusst werden“, empfiehlt Professor Doktor Werning.

Um zu wissen, was der eigene Betrieb digitalisieren kann, bietet das Kompetenzzentrum Digitales Handwerk Handwerksbetrieben Expertenwissen, Netzwerke zum persönlichen Erfahrungsaustausch und Best-Practice-Beispiele. Bei den Best-Practice-Beispielen handeltes sich um vorzeige Betriebe, und deren Erfolgsgeschichte durch digitale Maßnahmen. Zur finanziellen Unterstützung gibt es diverse Förderprogramme. Dazu gehören Go-Digital des BMWi, ERP-Digitalisierungs- und Innovationskredit vom KfW und Mittelstand.innovativ – Innovations- und Digitalisierungsgutschein vom Land NRW.

Um diese Fördergelder beziehen zu können, müssen die Betriebe diverse Voraussetzungen erfüllen. Professor Doktor Werning sieht dort genau zwei Probleme. So seien die Förderprogramme „so kompliziert, dass sich kein Handwerksunternehmen die Mühemacht, dies zu beantragen“. Das zweite sieht sie in der Bekanntheit dieser Förderprogramme: „Die meisten wissen nicht einmal, dass es Förderprogramme gibt. Wir müssen hier mehr dafür tun, dass direkte Hilfe in den Unternehmen stattfindet und wir statt der Glanzprojekte deutlicher machen, wie man starten kann und wer konkret einen wo unterstützt“. Neben Handwerkskammern, regionalen Initiativen und dem Kompetenzzentrum gibt es auch Start-ups, die Betrieben bei der Findung von Ideen unterstützen können, empfiehlt Professor Doktor Werning.

Fabian Piepenstock hat sich für die digitalen Tools Hilfe von Fremdanbietern geholt. Er und seine Mitarbeiter werden von ihnen geschult und erhalten außerdem Support.

Ob und wie weit ein Betrieb sich nun digitalisieren möchte oder nicht liegt bei ihnen selber, besonders, weil die Politik oder die Handwerkskammern ihnen nichts vorschreiben. Die Digitalisierung kann den Menschen aber auf jeden Fall unterstützen und bei körperlichen Arbeiten entlasten, betont Professor Doktor Werning. „Alles was digitalisiert werden kann, wird irgendwann digitalisiert“ betont Professor Doktor Werning.


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